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Markus & Felix: “Mit bei-mir-um-die-ecke haben wir uns einen Traum verwirklicht.”

Markus war viele Jahre beim Fernsehen als Aufnahmeleiter verantwortlich. Hier ging es viel um Planungen, kurzfristige Entscheidungen, Organisation, Struktur, Recherche. Er musste die vielen verschiedenen Gewerken zusammenbringen. Wer benötigt was und wann? Wie sieht der nächste
Drehtag aus? Timetables usw.

Felix Kosel ist der typischer Quereinsteiger. Tischlerausbildung, Künstlermanagement, Verlagsgründung, Musikbranche, Kulturverantwortlicher in Moskau vor Ort und zuletzt Marketingleitung in der Kulturbranche in Berlin. 

Beide suchten nach einer neuen Herausforderung und eröffneten zusammen 2012 ein kleines Café in Berlin, welches schnell Anklang fand und zum Teil aus allen Nähten platzte. TV, Radio, Print und Onlinemedien entdeckten unser Café und berichteten. Sie wollten sich noch mehr Träume erfüllen, verkauften das Café und gingen für 8 Monate auf Reise durch Südostasien, ohne Ziel, ohne Plan. Eine großartige Entscheidung.

Wieder in Deutschland entwickelten Felix und Markus aus einem damaligen Problem eine Idee und daraus wiederum ein ernsthaftes Konzept. Einen deutschlandweiten Marktplatz für Feinkost und Getränke aus regionalen Manufakturen. Und das war dann auch schon der Anfang von “bei-mir-um-die-Ecke”.

Es gibt tausende Lebensmittelhandwerker in Deutschland. Aber kaum einer kennt sie. Das möchten wir ändern, sie publik und auffindbar machen. Viele sind sogar direkt bei jedem von uns um die Ecke. Wir stellen sie bei uns auf der Seite vor und zeigen dem Besucher, wer sich in der direkten Region befindet. Egal wo in Deutschland er wohnt.

Was treibt Euch an?

Unsere Überzeugung vom Konzept. Wir bekommen viel Zuspruch von Branchenkennern, Fachleuten und auch von Manufakturen. Das tut sehr gut. Wir lieben kritische Fragen, denn nur so können wir an uns und unserer Idee arbeiten. Das macht Spaß. Trotzdem gibt es Phasen, in denen wir nicht weiter kommen oder sogar wieder einen Schritt zurück gehen müssen. Das schlaucht. Dann motivieren wir uns gegenseitig. Wir sind ein sehr eingespieltes Team, da wir uns nicht nur privat fast 10 Jahre sehr gut kennen, sondern auch
schon anderweitig zusammen gearbeitet haben. Auch holen wir uns die Motivation von draußen. Wir reden über unser Vorhaben, bekommen Feedback und bleiben immer am Ball.

Welche Bedeutung hat gesunde Ernährung für Euch?

Als wir unser Café hatten, bestand unsere Ernährung oft aus Gebäck, nicht verkauften Kuchen und Fastfood. Wir hatten keine Zeit für Essen und wollten nur schnell satt werden. Optisch wuchsen wir in die Breite und unser eigenes Wohlbefinden dagegen sank. So haben wir einen Strich gezogen und ganz einfach unsere Ernährung umgestellt. Ohne Arzt, ohne Diät, allein mit unserem gesunden Menschenverstand. Das half nicht nur unserem Körper, sondern auch unserem Gefühl. Wir ernähren uns also nicht festgeschrieben
gesund, lesen keine Bücher oder verfolgen irgendwelchen Philosophien. Wir lieben Essen und inzwischen eben auch Obst, selbstgemachte Leckereien und frische Zutaten. Da haben wir auch viel von unserer Reise durch Südostasien mitgenommen. Wir haben uns fast ausschließlich in Straßenküchen ernährt. Schnelle, frische Küche. Perfekt und lecker.

Wann habt ihr eure Leidenschaft für traditionelles Lebensmittelhandwerk entdeckt?

Gekocht haben wir beide schon immer sehr gern. Markus am liebsten nach Rezept, ich gern frei-nach-Schnauze. In unserem Café haben anfangs mit einem Konditor zusammen gearbeitet. Dieser lieferte jedoch bereits bei der zweiten Bestellung nicht das, was wir bestellt hatten und bei der dritten fehlte sogar die Hälfte. So musste ich zwangsläufig und kurzfristig selbst backen. Das kam bei unseren Kunden super an. So habe ich fortan alle Kuchen selbst gebacken und hatte meinen Spaß dabei.

Da wir ein Kiezcafé waren, wollten wir Produkte von umliegenden Manufakturen mit verkaufen und begaben uns auf die Suche. Es war nicht einfach. Allein die Suche nach tollen Manufakturprodukten in der Umgebung war eine große Herausforderung und kostete viel Zeit, die wir eigentlich nicht hatten. Das war übrigens der Ursprung unserer Idee mit bei-mir-um-die-ecke.de

Inzwischen habe ich mit vielen Manufakturen kontakt und ich liebe es. Da sind Menschen, die ihr Handwerk lieben. Die mit den Zutaten liebevoll und mit Respekt umgehen. Die sich Gedanken darüber machen. Wirklich klasse. Und wenn man sich anguckt, was alles aus deren Köpfe für Ideen entstehen: Brühe To Go, Chips aus Wirsing, Marshmallow-Konfekt, Popcorn mit Ingwer…

Welchen Stellenwert nehmen Lebensmittel in Eurem Leben ein?

Wir sind keine Verfechter von Bio oder einer bestimmten Ernährung. Ja, wir kaufen auch mal beim Discounter ein. Aber wir lieben gute Lebensmittel. Kreative Ideen. Den Umgang mit Essen. Bio ist für uns nicht in jedem Falle besser. In unserem Café hatten wir eine Kaffeebohne, die den Richtlinien des
Biosiegels entsprach. Doch konnten sich die Bauern vor Ort ein solches Siegel gar nicht leisten. Wir finden es gut, dass es Bio gibt. Sonst wäre das Thema Ernährung gar nicht so in den Fokus geraten. Wir finden es gut, dass es Bewegungen wie Paleo usw. gibt. Nur so machen wir Menschen uns überhaupt Gedanken darüber. Jeder kann dann selbst entscheiden, was ihm wichtig ist, was er kauft und wie er sich ernährt. Ob wir nämlich Bio Mineralwasser wirklich benötigen ist diskussionswürdig.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Euch?

Was ist eigentlich Nachhaltigkeit? Ein sehr großes Wort. Es ärgert uns, wenn Lebensmittel weggeworfen werden, nur weil sie nicht so aussehen, wie es wer-auch-immer glaubt zu wissen. Auch finden wir es irrsinnig, wie viel Verpackungsmaterial von A nach B direkt in der Tonne landet. Warum muss im
Supermarkt auf einer Birne ein Aufkleber mit dem Wort “Birne” stehen? Und auch hier wollen wir keineswegs mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt gehen. Aber zum Denken anregen. Das Bewusstsein schaffen. So legen wir bei unserem Konzept sehr viel Wert auf Nachhaltigkeit. Das fängt bei regionalen Zutaten an, die es teilweise auch nur saisonal gibt. Klar, Kaffeebohnen und Vanilleschoten wachsen nicht in Deutschland und wir möchten trotzdem nicht darauf verzichten. Aber fangen wir bei den Produkten an, die es bei uns in Deutschland oder sogar direkt um die Ecke gibt. Unterstützen wir damit doch auch gleich die Region, die Arbeitsplätze, die Manufakturen, Bauern und Produzenten. Selbst Mehl kann man regional kaufen. Es gibt in Deutschland Mühlen, die das Korn der Umgebung mahlen. Nichts Neues. Aber dies möchten wir wieder ins Bewusstsein zurückholen. Vor allem schmeckt das Essen viel besser, wenn man weiß, wer es gemacht hat und woher es kommt.

Hat es eigentlich einen bestimmten Auslöser für “bei-mir-um-die-ecke”gegeben?

Der allererste Auslöser war 2013, als wir kulinarische Leckereien aus der Umgebung für unser Café gesucht, aber nur sehr schwer gefunden haben. Die Zeit tat ihr übriges. Während unserer Reise durch Südostasien haben wir die dortige Straßenküche kennen gelernt. Zutaten aus eigenem Anbau oder der
direkten Umgebung, einfach und köstlich zubereitet. Diesen Ansatz haben wir lieben gelernt.

Warum setzt ihr auf Online-Handel?

Wir selbst nutzen das Medium Internet nicht nur häufig, sondern auch sehr gern. Es bietet zudem die Möglichkeit, sich über viele Dinge schnell zu informieren und neue Sachen kennen zu lernen. Wir könnten auch ein Magazin herausbringen und den Leuten in die Hand drücken, um über tolle Manufakturen zu berichten. Aber über das Internet erreichen wir natürlich viel mehr Leute. Und auch für die Produzenten ist der Onlinehandel wichtig. Regional sind diese oft sehr gut vernetzt, auf lokalen Märkten unterwegs oder mit ihrem eigenen Laden vor Ort. Wir möchten gern regionale Produkte überregional bekannt machen. Was ist geschmacklich der Unterschied zwischen einem Stadthonig aus Hamburg und einem Landhonig aus dem Allgäu? Wer von uns hat dafür die Zeit, ins Allgäu oder die Stadt zu fahren? Woher bekomme ich den leckeren Sanddorn-Sirup aus meinem letzten Urlaub an der Ostsee, ohne extra hinfahren zu müssen? Ich kann darauf verzichten. Oder ihn mir online bestellen und gleichzeitig die Produzenten vor Ort damit unterstützen.

Was sind denn so die größten Hürden die es zu bezwingen gilt?

Am meisten blockierte uns das fehlende IT-Wissen. Lange suchten wir nach einem Dritten Mitgründer. Markus und ich ergänzen uns wunderbar, haben aber leider zu wenig Ahnung von Webentwicklung. Dafür besitzen wir andere wichtige Kompetenzen. Glücklicher Weise haben wir mit 20steps (https://20steps.de) eine großartige kleine Agentur gefunden, die mit uns diese Hürde genommen hat und uns nicht nur in der Programmierung, sondern auch in der Beratung und Produktentwicklung sehr unterstützt hat.

Hürden gibt es aber immer wieder. Das ist jedoch auch gleichzeitig das Reizvolle am Gründen, diese zu umgehen oder zu überspringen. Man lernt so viel dazu und bekommt immer wieder neue Sichtweisen. Das macht großen Spaß!

Seid ihr neugierige Menschen? Wenn ja, wie zeigt sich das konkret?

Das ist eine meiner Eigenschaften, ja. Ich liebe es, Manufakturen zu interviewen und alle meine Fragen stellen zu dürfen. Und da geht es mir nicht immer darum, mein Fachwissen zu erweitern. Aber wie zählt ein Imker eigentlich seine Bienen? Was ist der Unterschied zwischen einer Brühe und einem Fond? Wieso ist die Dose als Verpackungsmaterial für Suppen so verpönt? Trinkt ein Röster seinen Kaffee lieber aus einem Glas oder einer Tasse? Woraus besteht eigentlich dieses Lemon Curd? Warum kann man Bonbons nicht herstellen, wenn es draußen regnet?

Was bedeutet Glück für Euch?

Felix heißt ja der Glückliche. Und tatsächlich sagen mir oft Menschen, dass ich viel Glück im Leben habe. Doch dem ist nicht so. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Ich habe nicht mehr Glück als andere, ich definiere Glück nur anders. Ich erfreue mich an kleinen Dingen. Bin glücklich mit dem, was ich habe. Nehme mein Leben selbst in die Hand und entscheide darüber. Wenn ich unzufrieden bin, dann ändere ich dies. Also Glück bedeutet mir sehr viel. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch. Nicht in jeder Situation, aber in den meisten. Das ist für mich eine Sache der Einstellung.

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Was würde der Welt abgehen, wenn es euch nicht geben würde?

Nichts. Das habe ich im Laufe meiner Berufserfahrung gelernt. Jeder ist ersetzbar. Wenn du allerdings fragst, was uns ausmacht, dann ist dies etwas anderes. Nur sollte diese Frage anderen gestellt werden.

Worauf verzichtest Ihr, um Eure Leidenschaft ausleben zu können?

Eine schwere Frage, denn wirklich verzichten tun wir nicht. Klar würden wir gern mehr Zeit haben, mehr Geld, wieder auf Reisen gehen… Aber es ist für uns kein Verzicht. Wir selbst legen uns ja unsere Prioritäten fest und bestimmen, was wir wollen. Ich glaube wir definieren nicht alles als Verzicht, was wir gern hätten, aber nicht haben können.

Ist Berlin ein guter Boden für Start Ups?

Auf jeden Fall. Die Szene entwickelt sich so rasant. Hier gibt es so viele Förderungen, so viel Unterstützung, viele Anlaufstellen, kostenlose Beratungen. Abgesehen von der Kreativität, die man über den Austausch mit anderen erfährt. Hier gibt es Gründerzentren, Interessensgruppen, Studiengänge für Entrepreneurship. Aber auch andere Städte wie Köln, Düsseldorf und Hamburg haben ihre Reize für Startups. In den letzten Jahren ist Deutschland an sich ein guter Nährboden geworden. Das sieht man ja auch am großen Interesse an Fernsehsendungen wie “Die Höhle der Löwen”. Das Thema Startup ist in der Bevölkerung angekommen.

Welchen Stellenwert nimmt das Themenfeld Entrepreneurship bei Euch ein?

Ich habe das Buch „Kopf schlägt Kapital“ von Herrn Faltin gelesen, was mich total inspiriert hat. Er hat einen tollen Ansatz und ordentlich Bewegung in die Gründerszene gebracht. Auch haben wir seine Online Tools genutzt und letztes Jahr den 4. Platz bei seinem Ideen-Wettbewerb erreicht. Das ist toll. Inzwischen sind wir allerdings nicht immer seiner Meinung. Es gibt verschiedene Methoden zu gründen und wir suchen uns die passendsten Tools für uns heraus. Allgemein sind Entrepreneure auch nur Unternehmer und Gründer. Ein neues Wort, welches gut ist, da sich das Gründen sehr verändert hat. Keiner muss mehr als Gründer geboren sein oder von der Buchhaltung bis hin zur Produktentwicklung alles perfekt beherrschen.

Was ist eigentlich das Schönste bei Eurer Arbeit?

Der Kontakt mit anderen kreativen Menschen. Die Freiheit und Pflicht der Selbststrukturierung. Die Möglichkeit zu haben, etwas verändern zu können.

Wer sind Eure wichtigsten und stärksten Unterstützer?

Wir selbst. Ganz eindeutig. Nur wenn wir gegenseitig von uns und dem Konzept überzeugt sind, können wir auch andere damit anstecken und überzeugen.

Wohin wird Euch diese Arbeit noch bringen? Gibt es noch geheime Projekte?

Geheime Projekte gibt es nicht, nein. Entweder machen wir etwas ganz oder gar nicht. Und welche Türen sich in Zukunft wo öffnen, das werden wir sehen. Türen gibt es zumindest genug und manche stehen auch schon jetzt offen. Aber warten wir ab und gestalten erstmal den einen Raum, in dem wir uns gerade
befinden.

Was sagen eigentlich Eure Freunde, Euer Umfeld, Eure Familien zu diesem Engagement?

Sie unterstützen uns. Aber nicht unbedingt, weil wir die tollste Idee der Welt haben, sondern weil sie an uns als Person glauben. Manchen mussten wir erst genau erklären, was wir vorhaben und warum wir daran glauben. Das hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Heute kann man virtuell im Internet aktiv sein, ohne ein physisches Produkt in den Händen zu halten. Das ist für manch ältere Freunde und Familienmitglieder nicht immer ganz einfach zu verstehen.

Habt Ihr Tipps für unsere LeserInnen?

Nicht aufgeben. Zumindest nicht, solange man wirklich überzeugt ist. Parallel sich und seine Idee hinterfragen. Ständig. Annahmen, die man glaubt zu wissen, prüfen. Große Steine im Weg umlaufen, statt sie mit einem kleinen Meißel zerstören zu wollen. Und vor allem raus gehen mit den eigenen Gedanken. Wer alles für sich behält, in der Angst, jemand könnte die eigene Idee klauen, der wird nicht weit kommen. Geht raus in die Welt. Unterhaltet euch mit allen, egal ob vom Fach oder nicht. Und seid offen für das
Feedback. Nur so kann man sich und seine Idee weiter entwickeln. Man selbst ist nicht Kunde, sondern andere. Also muss man zuhören, was andere sagen.

Habt Ihr einen Wunsch?

Sehr viele sogar. Und wir werden sie Stück für Stück auch umsetzen. Natürlich soll jetzt bei-mir-um-die-ecke.de ins Rollen gebracht werden. Dann suchen wir einen Investor, der am besten noch Lust hat, uns mit seinem KnowHow zur Seite zu stehen. Denn Erfahrungen und Wissen kann man gar nicht genug bekommen. Und dann wünschen wir uns natürlich, dass wir Ende diesen Jahres erfolgreich mit unserem Marktplatz online gehen.

Habt Ihr für unsere LeserInnen einen Buchempfehlung, einen webtipp, einen Tipp für einen inspirierenden Platz, …?

Geht raus in irgendwelche Gruppen. Ob bei Facebook oder anderswo. Geht in den Austausch mit anderen und lasst euch mitreißen, motivieren und inspirieren. Ich persönlich bin im Citizen Circle, habe eine
Mastermindgruppe und bin auch bei Facebook in vielen Gruppen. Wer noch ganz am Anfang steht, kann nach Herrn Faltin googeln und sich seine vielen kostenlosen Tools zur Findung einer Idee bzw. des passenden Konzepte ansehen.

Wen sollten wir noch für “way to passion” interviewen?

Kathi von Kathis Manufaktur in Solingen: Eine tolle Frau, die viel aus dem Alltag einer Manufaktur zu erzählen hat. Alexander S. Wolf von Aussergewöhnlich Berlin: Beeindruckend, was er bereits auf die Beine gestellt hat und sein Talent, Leute zusammen zu bringen. Sebastian Maier, der gerade sein Zuhause in Berlin aufgibt, um ortsunabhängig zu arbeiten und dies bewundernswert fokussiert tut.

 


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