Markus Gruber Toilettenblogger

Markus Gruber: “Toiletten retten Leben”

Markus Gruber (33) ist Unternehmensberater, Service Designer und systemischer Coach in Wien – mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft: Er bloggt über Toiletten. Mit Toilettenblog.at hat er Österreichs ersten Issue Blog über den „am meisten unterschätzten Alltagsgegenstand unserer Zeit“ ins Leben gerufen. Warum Toiletten für Milliarden Menschen purer Luxus sind und er sich ehrenamtlich im Kampf gegen die globale Sanitärkrise engagiert, erzählt er uns im Interview. Ein schräges Thema mit ernstem Hintergrund.

Markus, welche Leidenschaft treibt Dich an?

Es ist wohl die Leidenschaft am Außergewöhnlichen, die mich auszeichnet und zugleich auch antreibt. Anders sein, als alle anderen. Sonst würde ich wohl nicht über Toiletten bloggen und ein Thema in den Mittelpunkt rücken, über das man sonst nicht spricht – schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Dabei sind Toiletten viel mehr als nur das, was wir auf den ersten Blick in ihnen sehen. Sie sind nicht nur der am meisten unterschätzte Alltagsgegenstand unserer Zeit, sondern in vielen Teilen der Welt auch echte Lebensretter.

Wann hast Du die Leidenschaft für Toiletten entdeckt?

Die Leidenschaft hat sich aus einem Spaß heraus entwickelt. Ich habe 2010 begonnen, alle Toiletten zu fotografieren, die mich in meinem Leben begleiten. Sechs Jahre und über 600 Toilettenfotos später wurde daraus nicht nur ein eigener Issue Blog, sondern auch ein ehrenamtliches Engagement im Rahmen der World Toilet Organization (WTO, deren Mitglied ich bin), im Kampf gegen die globale Sanitärkrise.

Hat es einen bestimmten Auslöser für dieses Engagement gegeben?

Ja. Denn während in unseren Breiten der Gang auf die Toilette nichts Außergewöhnliches darstellt, ist er in vielen Teilen der Welt alles andere als selbstverständlich.

Mehr als 2,4 Milliarden Menschen auf diesem Planeten haben keinen Zugang zu einer ausreichenden Sanitärversorgung.

Eine Milliarde ist gar gezwungen, ihre Notdurft im Freien zu verrichten. Auf diese Weise gelangen Krankheitserreger direkt in das Trinkwasser, in offene Trinkwasserstellen und letztlich auch in die Nahrungskette – ein Teufelskreis mit fatalen Folgen. Denn 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern stehen im Zusammenhang mit verunreinigtem Trinkwasser und knapp 600.000 Kinder unter fünf Jahren sterben jährlich an den Folgen von Durchfallerkrankungen; zurückzuführen auf katastrophale sanitäre Bedingungen und mangelnde Hygiene. Das ist der Auslöser und darauf mache ich aufmerksam. Mit dem Ziel, diesen Teufelskreis mit vereinten Kräften zu durchbrechen.

Und warum ist es dann genau dieses Projekt geworden?

Weil das Thema Toiletten niemanden kalt lässt und längst auch die Vereinten Nationen auf den Plan gerufen hat. Internationale Zusammenarbeit und Aktionen rund um den jährlichen Welttoilettentag am 19. November sind Ausdruck dessen und enorm wichtig.

Ich wünsche mir aber, dass die lebensrettende Rolle von Toiletten nicht nur an oder rund um diesen einen Tag im Jahr thematisiert wird, sondern das gesellschaftliche Engagement auch ganzjährig darüber hinausgeht. Mit meinem Toilettenblog will ich dazu beitragen, das Thema abseits eines bestimmten Kalenderdatums präsent zu halten. Dazu setze ich auf einen unkonventionellen und dennoch zeitgemäßen Kommunikationskanal, um genau das zu erreichen. Nämlich um aufzufallen und im Gespräch zu bleiben.

Was würde der Welt abgehen, wenn es den Blog nicht gäbe?

In Zeiten von gefühlten x-tausend beliebig austauschbaren Beauty-, Lifestyle-, Food- und Fashionblogs freut es mich, mit meinem Toilettenblog auch so etwas wie frischen Wind in die heimische Blogger-Szene zu bringen und neue Akzente zu setzen. Gäbe es den Toilettenblog nicht, wäre weiterhin alles more of the same. Und um das Thema wäre es bedeutend stiller.

Wo findest Du den Raum um Deine Leidenschaft ausleben zu können?

In meiner Freizeit, abseits des Vollzeitjobs. Aber als Service Designer gehe ich ständig mit offenen Augen durch den Tag. Wenn Ideen oder Geistesblitze plötzlich da sind, dann muss man sie auch zulassen.

Worauf verzichtest Du, um Deine Leidenschaft ausleben zu können?

Zeitmanagement und Ehrenamtlichkeit sind meine größten Herausforderungen. Denn ich investiere einen Großteil meiner Freizeit abseits meines Vollzeitjobs als Unternehmensberater in den Blog, der für mich ein echtes Herzensanliegen ist. Weil das Thema wirklich wichtig ist.

Was ist eigentlich das Schönste bei Deiner Arbeit?

Es ist immer wieder schön zu erleben, wie andere auf das Thema reagieren. Dass mein Blog auf den ersten Blick zu Verwunderung führt, nehme ich dabei gerne in Kauf. Ein bisschen Provokation hat noch nie geschadet um aufzufallen (lacht). Die Reaktionen sind eigentlich immer gleich. Werde ich anfangs noch belächelt, dass ich über Toiletten blogge, so folgt nach einem kurzen Hinweis auf den ernsten Hintergrund des Themas meist Staunen und Betroffenheit – häufig in Verbindung mit dem Austausch eigener, selbst er- oder durchlebter Toilettengeschichten.

Wenn es soweit kommt, habe ich bereits gewonnen. Denn durch den gegenseitigen Austausch von Erfahrungen und Geschichten entsteht eine besonders intensive Form der Beschäftigung mit dem Thema. Und das ist für eine nachhaltige Bewusstseinsbildung unerlässlich. Wenn man so will, betreibe ich also Toiletten-Storytelling im Dienst der guten Sache. Ungewöhnlich, aber wirkungsvoll.

Wer sind Deine wichtigsten und stärksten Unterstützer?

Allen voran meine Frau. Sie hat mein Engagement von Anbeginn unterstützt und bringt mich auch inhaltlich immer wieder auf neue Ideen. Aber auch Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen gehören dazu, die mich immer wieder aufs Neue bestärken, dieses Herzensprojekt weiterzuführen.

Wer baut Dich auf, wenn es einmal nicht so klappt?

Nicht wer, sondern eher was. Nämlich die Gewissheit, dass ich über ein Thema blogge, das jeden gleichermaßen betrifft und das keinen Trends, Modeerscheinungen oder sonstigen Befindlichkeiten unterliegt.

Wohin wird Dich deine Arbeit noch bringen? Gibt es noch geheime Projekte?

Nachdem Toiletten ein Querschnittsthema mit Anknüpfungspunkten in alle Bereiche des täglichen Lebens sind, will ich meinen Blog künftig noch breiter aufstellen. Außerdem arbeite ich derzeit daran, bis zum kommenden Welttoilettentag am 19. November das umfangreichste deutschsprachige Informationsportal zum Thema aufzubauen. Dazu will ich auch weitere Partner aus dem Gesundheits-, Sanitär- und Technologiebereich mit ins Boot holen. Es bleibt also auf jeden Fall spannend.

Wie gelingt es Dir Menschen für Deine Leidenschaft zu begeistern?

Über den schrägen, unkonventionellen und natürlich auch humoristischen Einstieg in ein außergewöhnliches Thema, das in Wahrheit ein sehr ernstes ist.

Was sagen eigentlich Deine Freunde, Dein Umfeld, Deine Familien zu diesem Engagement?

Natürlich wurde ich anfangs belächelt. Das ist aber kein Thema mehr. Im Gegenteil. Mein Umfeld ist mittlerweile zu einem wichtigen Multiplikator-Netzwerk geworden, das mich immer wieder auf neue Aspekte, Ideen oder potenzielle Kooperationspartner aufmerksam macht. Dafür bin ich dankbar und weiß das sehr zu schätzen.

Hast Du Tipps für unsere LeserInnen?

Natürlich.

Statistisch gesehen geht jeder von uns sechs bis acht Mal täglich auf die Toilette und verbringt während seines Lebens bis zu zwei Jahre am Ort des Loslassens.

Das ist unglaublich viel Lebenszeit, die man auch sinnvoll nutzen kann. Die Toilette ist heutzutage einer der wenigen Rückzugsorte im Alltag, an dem man noch ungestört ist und abschalten kann. Wenn man es also von diesem Gesichtspunkt betrachtet, ist die Toilette nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch eine mentale Kraftquelle. Und im Vergleich mit den 2,4 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Toiletten haben, ist sie außerdem purer Luxus. Dessen sollte man sich immer bewusst sein.

Hast Du einen Wunsch?

Am meisten wünsche ich mir, dass der Kampf gegen die globale Sanitärkrise Wirkung zeigt und es mit vereinten internationalen Kräften gelingt, Leben zu retten. Bis es soweit ist, gibt es noch viel zu tun – aber die Richtung stimmt.

Hast Du für unsere LeserInnen eine Buchempfehlung?

Happy End – die stillen Örtchen dieser Welt“ von Nina Sedano. Sie hat jedes Land der Welt bereist und nimmt ihre LeserInnen mit auf eine spannende Reise durch die unterschiedlichsten Toilettenkulturen und Bräuche. Kurzweilig, informativ und für weltoffene Menschen unglaublich spannend.

Wen sollten wir noch für „way to passion“ interviewen?

Madeleine Sophie Daria. Besser bekannt als dariadaria. Weil sie ihre Reichweite und Relevanz als eine der erfolgreichsten österreichischen Bloggerinnen mittlerweile dafür nutzt, um neben dem üblichen „Blogger-Kommerz“ auch verstärkt auf gesellschaftskritische Themen aufmerksam zu machen. Dafür hat sie nicht nur meinen Respekt, sondern auch mich als Follower gewonnen.

www.toilettenblog.at


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