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Oliver Schmidt: “Energie, Humor, Haltung – das ist mir wichtig, und auf diesen Ebenen begegne ich Menschen am liebsten.”

Oliver Schmidt lebt mit seiner Familie in Berlin. Er arbeitet als Berater für Social Entrepreneurship im deutschsprachigen Raum und begleitet auch zahlreiche Projekte in Osteuropa, insbesondere der Ukraine und Georgien. Mitte 2017 hat Oliver gemeinsam mit Menschen mit und ohne Fluchterfahrung den Selbsthilfeverein CAMP ONE EV gegründet.

CAMP ONE e.V. ist der erste Berliner Selbsthilfeverein, in dem überwiegend Menschen, die 2015/16 auf ihrer Flucht nach Deutschland kamen, ihre Interessen selbst vertreten – und dabei die Hilfe von Menschen in Anspruch nehmen, die das Leben in Berlin und Deutschland bereits gut kennen.
Unsere Vision ist, mit unserem Verein nicht nur eigene Interessen zu vertreten, sondern auch für andere da zu sein. Deshalb engagieren sich unsere Mitglieder bereits jetzt ehrenamtlich für Kinder und Familien, um das zurückzugeben, was sie selbst einst an Unterstützung erhalten haben.

Was treibt Dich im Leben an?

Im Kung Fu, dass ich einige Jahre gemacht habe, sagten wir: “Wenn das Eine nicht alles ist, ist alles andere nichts”. Das Eine, das sind meine Kinder, meine beiden Mädchen. Was ich tue, tue ich für sie – oft natürlich in einem abstrakten Sinne. Aber letztendlich möchte ich ihnen etwas mit auf ihren Weg geben, das nützlich und praktisch, aber auch wertvoll ist… Wahrscheinlich ist “Liebe” das Wort, nach dem ich gerade suche.

Was macht Dich so ganz persönlich aus?

Bei dieser Frage muss ich schmunzeln und stelle mir unweigerlich vor, wie die Menschen um mich herum sie in Bezug auf mich wohl beantworten würden. Oder die Menschen, die nicht mehr um mich herum sind, weil es wohl nicht immer leicht ist mit mir.

Ich habe Energie, das darf ich wohl behaupten. Energie, Humor, Haltung – das ist mir wichtig, und auf diesen Ebenen begegne ich Menschen am liebsten. Dort entstand auch CAMP ONE.

Wie hast Du die Idee für CAMP ONE entdeckt?

Ich habe als Berater für Social Entrepreneurship eine Einrichtung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete aufgebaut und für eine kurze Zeit auch geleitet. Nach ein paar Monaten habe ich aufgehört, weil ich festgestellt habe, dass ich ein guter Projektmanager, aber eben kein Sozialarbeiter oder Heimleiter bin. Lara, eine junge Psychologin, hat den Job übernommen und ihre Sache viel besser gemacht als ich. Ich bin Experte für Projektphasen der Konzeption, des Aufbaus oder später auch für Situationen der Veränderung wie Wachstum oder Strategiewechsel.

Die Jugendlichen und wir nannten unsere neue Heimat CAMP ONE. Die Einrichtung wurde dann ein gutes Jahr später durch den Berliner Senat geschlossen, wir waren heimatlos und lebten über ganz Berlin verstreut. Also besorgten wir einen Raum in Kreuzberg, gründeten einen Verein und treffen uns seither einmal wöchentlich dort mit Freunden, deren Zahl stetig wächst. Das Camp One Café ist kein Treffpunkt für Flüchtlinge, sondern ein offener Raum für Menschen und Ideen, er dient dem Austausch unterschiedlicher Perspektiven auf Lebensfragen. Manchmal sind dies praktische, manchmal philosophische oder politische Fragen.

Wieviel persönliche Leidenschaft steckt von Dir im CAMP ONE?

Mein Leben hat wenige, aber eben entscheidende Wendepunkte erlebt: Der Umzug nach Berlin vor dreißig Jahren oder die Geburt meiner Töchter. Wir bauen seit einem Jahr gemeinsam mit den Jungs – und in letzter Zeit glücklicherweise auch mit immer mehr Frauen – aus Afghanistan, Syrien, dem Iran und dem Irak, Libyen und anderen Ländern etwas auf. Das hat nicht nur deren Leben entscheidend beeinflusst, es prägt seither auch mich und meine deutschen Freundinnen und Freunde aus dem Verein. Von mir steckt viel persönliche Leidenschaft in CAMP ONE EV – aber zum Glück auch die Leidenschaft vieler anderer Menschen.

Gibt’s ein besonders schönes Erlebnis in der Arbeit mit Menschen auf der Flucht?

Ja, wenn ich erlebe, dass Menschen nicht mehr auf der Flucht, sondern angekommen sind. Eine Schulaufführung beispielsweise, da ist ein junger Mensch dann nicht mehr “Flüchtling”, sonder Schüler, oder eben einfach Mensch, einer von uns. Ich glaube, wir versuchen alle anzukommen. Deshalb empfinden wir die Arbeit oder das Zusammenleben mit Geflüchteten als hilfreich für uns selbst. Wir vergewissern uns dadurch ja über unseren eigenen Ort, unsere Heimat und unser Verhältnis zu uns selbst.

Wie hat sich die Arbeit im CAMP ONE seit dem Start für Dich, das Team und den betreuten Menschen verändert?

Vor zwei Jahren brachten die jungen Menschen auf ihrer Flucht viele Ressourcen mit – Pünktlichkeit und Sinn für unsere Ordnung gehörten ganz gewiss nicht dazu. Heute machen wir monatliche Teammeetings, da kommt dann der letzte 15 Minuten vor Beginn und entschuldigt sich, dass er so spät sei. Dabei geht es nicht um vermeintliche Tugenden, sondern um Motivation und Selbstverantwortung, auch um Verantwortung für andere und für das Gemeinsame. Das sind dann Momente, in denen alle spüren, dass sich so ein Projekt einfach lohnt.

Was kannst Du von Deiner Ausbildung, deiner Berufserfahrung in dieses Projekt einbringen?

Als ich vor zwei Jahren die Leitung einer Einrichtung übernahm, hatte ich auch große Ängste, dass dies meine Arbeit als Berater für Unternehmen und Start Ups negativ beeinflussen könnte. Die Stimmung in Deutschland stand ob der sogenannten “Flüchtlingskrise”, gerne war auch von einer “Flut” oder “Welle” die Rede, auf der Kippe. Allerdings habe ich schnell gespürt, dass alle Kontakte, Freunde und Geschäftspartner sehr respektvoll auf mich und diese neue Aufgabe schauten, auch voller offener Neugierde. Es hat etwas gedauert, aber heute bin ich mir ganz sicher, dass meine Ausbildung als Marketing Fachwirt und meine Erfahrung als Berater für Social Entrepreneurship mit diesem Engagement einfach sehr gut zusammen passen. Sicher hilft meine strategische Herangehensweise unserem Verein CAMP ONE EV in seiner Entwicklung, ebenso wie die anderen besonderen Perspektiven aller Mitglieder hilfreich sind.

War es schon immer Dein Wunsch ein Unternehmen zu gründen?

Ich habe schon immer gegründet. In den Neunzigern eine illegale Bar in Ost-Berlin, später eine Kommunikationsagentur (Sandwichpicker.com), dann “Hultgren – Nachhaltiges Management“. Gründen ist Kreativität, wie Malerei oder Musik. Man kann seiner Persönlichkeit Ausdruck verleihen, man kann aber auch scheitern. Das Scheitern ist aber viel unwahrscheinlicher, als man anfangs denkt. Und was ist schon Scheitern? Eigentlich gibt es das nur, wenn man sich zu sehr an Zielvorgaben orientiert.

Gibt es Tipps, Erfahrungen, … die Du jungen Entrepreneuren mitgeben möchtest?

Allen Entrepreneuren, den jungen wie den alten, möchte ich sagen, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt, jedenfalls nicht in den ersten Jahren einer Unternehmens- oder Projektgründung. Es gibt keinen Plan, den wir erst noch verstehen müssen. Es gibt nur Wege: bereits betretene oder neue.

Bist Du ein mutiger Mensch?

Da Mut nicht heißt, furchtlos zu sein, sondern die eigenen Ängste zu überwinden, kann ich sagen: Manchmal bin ich sehr mutig. Vor allem gemeinsam mit anderen, mit Menschen, denen ich vertraue und die auf mich vertrauen. In Gemeinschaft entsteht Mut. Natürlich kenne ich Situationen der Furcht, des Zweifels und der Verzagtheit – diese gehören zum Glück zu unserem Leben dazu, es sind die Herausforderungen, an denen wir wachsen.

Gibt’s Vorbilder für Dich? Wenn ja, was hast Du Dir von diesen Menschen mitgenommen?

Meine beiden Mädchen, acht und zehn Jahre alt, stehen vor viel größeren Herausforderungen als ich: Ein Umzug, eine neue Schule, jedes Jahr irgendeine neue Herausforderung. Brille, Zahnspange – ich bewundere beide dafür, wie sie in ihr ganz eigenes Leben starten. Sie ermutigen mich.

Findest Du bei uns genug Unterstützung für all Deine Ideen?

Gerade bei CAMP ONE ist die Unterstützung sehr breit. Menschen identifizieren sich mit unserem Vorhaben. Da ist das Thema Verantwortung und Selbstverantwortung, da sind junge Menschen, da sind Muslime, die ihren Platz in unserer Gesellschaft suchen – alles mögliche Punkte der Identifikation. Dementsprechend sind es Unternehmen, Migranten, Muslime und junge Menschen, die sich uns zuwenden.
Wenn ich Ideen habe und Unterstützung suche, muss ich fragen. Auf Menschen zuzugehen ist oft wichtiger, als lange an Businessplänen zu feilen.

Wo willst Du in 2 Jahren stehen?

Manchmal erscheint mir mein Leben so bewegt, dass ich mich im Traum in meiner eigenen Espressobar auf einer kleinen Insel sehe. In meine Bar kommen nur wenige Gäste, und das ist gut so. CAMP ONE soll eine starke Interessenvertretung für geflüchtete Menschen im deutschsprachigen Raum sein – da sehe ich uns in zwei Jahren.

Gibt´s von Dir noch geheime Projekte die irgendwo in einer Schublade versteckt sind?

Außer den Espressobar? Ich schreibe schon viel zu lange an einem Buch über meine eigene Sichtweise auf Entrepreneurship. EIGENTLICH ist es so gut wie fertig…

Was würde der Welt abgehen, wenn es Dich nicht geben würde?

Die Frage berührt mich, weil sie nach meiner Einzigartigkeit fragt. Aber ich bin sicher der letzte, der sie beantworten kann.

Wer baut Dich auf, wenn es einmal nicht so klappt?

Im Idealfall der oder die, mit dem ich gemeinsam feststecke. Zum Glück habe ich Freundinnen und Freunde, auf die ich mich verlassen kann, wenn ich Hilfe brauche.

Hast Du für unsere LeserInnen eine Buchempfehlung, einen webtipp, einen Tipp für einen inspirierenden Platz, …?

“Wenn Grenzen keine sind: Management und Bergsteigen”, von Fredmund Malik.

Wen sollten wir noch für “way to passion” interviewen?

Vielleicht einen unserer Jungs? Wer eine Reise auf eigene Faust von Asien nach Europa macht, Pläne dabei immer wieder überdenken und ändern muss und dann in Deutschland unter schwierigen Umständen aber mit umso mehr Energie schnell seinen Schulabschluss auf deutsch macht, der hat einen Weg, von dem er erzählen kann. Und Leidenschaft sicher auch.

….gibt es sonst noch Geschichten, Erfahrungen die Du uns erzählen willst?

Ich habe viel zu erzählen. Heute früh las ich in der Zeitung über die Überlieferung mündlicher Geschichten bei den Inuit, die sehr präzise Beschreibungen über Generationen hinweg transportieren, den Satz: “Zuhören ist dabei wichtiger als erzählen”.
Ich bin 52 Jahre alt und ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler – aber am liebsten persönlich. Deshalb freue ich mich auf jede/n, der/die das liest und den/die ich in Zukunft treffen werde.

 


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