Kerstin Heymach ist Grafikerin, Artdirektorin, Texterin und Illustratorin. Kerstin kommt aus Berlin und lebt seit 1999 vor allem in Wien. Sie konzipiert und gestaltet Bücher, Zeitschriften, Corporate Designs, Verpackungen, Werbe-Kampagnen und Filme.

Auf „Arktis Zeichenblog“ postet Kerstin über Ihre Expedition nach Spitzbergen im Juni 2017. Sie begleitet dabei Klimaforscher der Unis Leipzig, Potsdam, Bremen, Köln und des Alfred-Wegener-Instituts zeichnerisch, fotografisch und textlich bei ihrer Flugzeug-Kampagne und anderen Forschungen in Longyearbyen und Ny Alesund. Kerstin versucht dabei zu dokumentieren, wer die Menschen hinter der Forschung sind, was sie in der Arktis erreichen wollen und wie sie das angehen.

Was treibt Dich im Leben an?

Neugier, Gestaltungsspaß, Phantasie, aber auch Verantwortung und Verlässlichkeit.

Wie hast Du dieses Projekt entdeckt?

Das Projekt hat mich entdeckt. Ich zeichne schon viele Jahre unterwegs, nicht nur in der Arktis, auch in Patagonien, Italien, Kalifornien, Oberösterreich, Mecklenburg, Schweden, Norwegen, Tibet. Wegen dieser Tibetreise – ich malte dort umringt von herumalbernden jungen Mönchen ganz stoisch ein buddhistisches Kloster – bin ich angesprochen worden, ob ich nicht auch auf einer Expedition zeichnen könnte.

Was waren die Gründe für´s Mitmachen?

Gründe gab es jede Menge. Es fand sich allerdings kein einziger, der dagegen sprach.

Hast Du schon früher einen Bezug zu Klimaprojekten gehabt?

Ich bin eine Naturschützerin der ersten Stunde, meine prägenden Jugendjahre verbrachte ich in diversen Öko- und Friedenskreisen in der Untergrund-Ökobewegung der DDR. Das Thema berührt mich schon lange, allerdings hatte ich bisher keinen wissenschaftlichen Bezug dazu.

Wie wichtig ist dir das Thema Nachhaltigkeit?

Hier stellt sich mir eigentlich die Frage: wie kann es jemandem unwichtig sein? Der neuste Trend zu „alternativen Fakten“ und Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse macht mir wirklich Sorgen.

Inwieweit kann deine künstlerische Arbeit das Klimaschutzprojekt unterstützen?

Sie kann Aufmerksamkeit erzeugen. Ein persönlicher, künstlerischer Blick spricht ganz andere Sinne in uns an, als es trockene Fakten oder scharfe Gedankengänge vermögen. Ich sehe meine Arbeit nicht als künstlerischen Selbstzweck, sondern als eine eigenwillige, langsame, vielleicht auch altmodische Art der Dokumentation.

Ganz allgemein, wie passt Nachhaltigkeit mit Kunst zusammen?

„Die Kunst“ gibt es ja eigentlich nicht. Jeden Künstler treibt etwas anderes an. Jeder hat seine eigenen Themen und Mittel. Nachhaltigkeit – die Erhaltung, der Schutz der Welt in der wir leben – ist ein so grundlegendes Thema unserer Zeit, dass es auf vielen verschiedenen Wegen Eingang in die aktuelle Kunst findet.

Braucht es mehr künstlerisches Engagement für Klimaschutz?

Es braucht vor allem insgesamt wieder mehr Engagement für den Klimaschutz. Von Künstlern und Nichtkünstlern.

Bist Du ein neugieriger Mensch? Wenn ja, wie zeigt sich das konkret?

Ja. Ich probiere gern etwas aus, erfinde gerne etwas.

Was würde der Welt abgehen, wenn es dieses Projekt nicht geben würde?

Nichts, vielleicht. Aber es wäre schon ein bisschen schade.

Was ist eigentlich das Schönste bei Deiner Arbeit?

Ich kann mich stundenlang in einen Berg vertiefen. Oder ein Gesicht. Oder eine unglaubliche Farbkonstellation. Ist das nicht herrlich?

Worauf verzichtest Du, um Deine Leidenschaft ausleben zu können?

Auf nichts. Alles, was mir wichtig ist, kann ich inzwischen mit meinem Beruf oder in meinem Beruf machen. Und auf Spitzbergen? Vielleicht auf Bequemlichkeit. Aber die ist mir nicht wichtig.

Wer sind Deine wichtigsten und stärksten Unterstützer?

Für das Spitzbergen-Projekt Dr. Annette Rinke und Prof. Manfred Wendisch. Sonst mein Mann und meine Tochter. Und ein paar gute Freunde.

Wie gelingt es Dir, Menschen für Deine Themen zu begeistern?

Ich bin selbst begeistert. Das steckt an.

Was sagen eigentlich Deine Freunde, Dein Umfeld, Deine Familie zu diesem Engagement?

Sie machen sich ein bissel Sorgen. In Spitzbergen gibt es im Sommer hungrige Eisbären, man darf die Ortschaften nicht ohne Gewehr verlassen. Ansonsten finden sie es gut.

Hast Du Tipps für unsere LeserInnen?

Verlasst die Ortschaften in Spitzbergen nicht ohne Gewehr. Und lernt vorher Schießen. Das habe ich nämlich nicht gemacht. Passt irgendwie nicht zu meiner Schwerter-zu-Pflugscharen-Jugend.

Hast Du einen Wunsch?

Ich wünsche mir, das AC3-Projekt im nächsten Jahr auf der Polarstern, dem Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Instituts, weiter begleiten zu können. Die Plätze dort sind sehr begehrt und natürlich hat die wissenschaftliche Arbeit Vorrang.

Hast Du für unsere LeserInnen eine Buchempfehlung, einen webtipp, einen Tipp für einen inspirierenden Platz, …?

Buchempfehlung: „Eine Frau erlebt die Polarnacht“ von Christiane Ritter, 1934
(Text Amazon) Im eisigen Spitzbergen, viele hundert Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt und ohne technische Hilfsmittel moderner Arktisexpeditionen, haben sich Christiane Ritter und ihr Mann einen Traum erfüllt: Sie lebten 1934 ein Jahr lang zusammen mit einem Pelzjäger in einer primitiven Hütte. Christiane Ritters Erlebnisbericht vermittelt eine Ahnung von der rätselhaften Faszination der Arktis.

www.arktis-zeichenblog.eu
www.facebook.com/arktiszeichenblog/

Ein inspirierender Platz: Eine Wanderung auf dem Kungsleden (dt. „Königsweg“), Nordschweden/Lappland. Ein Holzplanken-Wanderweg über 440 Kilometer durch den Permafrost-Boden der Tundra von Hütte zu Hütte, angelegt ca. 1920.

Wen sollten wir noch für „way to passion“ interviewen?

Prof. Manfred Wendisch. Er ist Leiter der Expedition und verantwortlich für die Flugzeug-Kampagne. Ihm ist die Leidenschaft für das Projekt und der Zusammenhalt des Teams sehr wichtig.

….gibt es sonst noch Geschichten, Erfahrungen die du uns erzählen willst?!?

Das Bild vom tibetischen Kloster in Viertausend Meter Höhe ist nichts geworden. Ich habe in Tibet nur zwei Zeichnungen gemacht, dann bin ich höhenkrank geworden und musste schnellstmöglich in tiefere Lagen gebracht werden. Das dauerte zwei Tage, mit Zwischenstopp in einem chinesischen Militärkrankenhaus. Die Geschichte ging gut aus, ich bin ohne Schaden in Wien gelandet. Nur die ungemalten Bilder schwirren noch in meinem Kopf herum.