Peter Vandor forscht und lehrt seit 2008 an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Mitgründer des Social Entrepreneurship Center und Bereichsleiter am Kompetenzzentrum für Nonprofit Organisationen und Social Entrepreneurship. Im Rahmen seiner bisherigen Tätigkeiten konnte er knapp über 60 Kollaborationsprojekte mit Partnern wie CERN, UNDP und der Roland Berger Stiftung durchführen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Social Entrepreneurship und Migrant Entrepreneurship. Bisherige Publikationen umfassen Beiträge im Harvard Business Review, Journal of Business Venturing, und zahlreiche Beiträge zu Buch- und Konferenzartikel.

Peter ist Gründer des Social Impact Award, einem Social Entrepreneurship Trainingsprogramm für Studierende in über 15 Ländern. Er ist zudem Initiator des ersten Universitätskurses zu Social Entrepreneurship. Peter Vandor wurde 2012 als Global Shaper (World Economic Forum) und 2017 als SCANCOR Visiting Scholar an der Stanford Universität nominiert.

Was bedeutet die Corona Krise für dich ganz persönlich?

Der altväterliche Satz „Hauptsache, alle sind gesund“ ist in den letzten Wochen sehr aktuell und unmittelbar geworden. Zum Glück sind meine Familie und mein Umfeld bisher von Corona verschont worden, aber so eine Krise rückt das Wesentliche schnell in den Mittelpunkt.

Ansonsten bin ich mir in den letzten Wochen wieder bewusst geworden, wie privilegiert ich lebe, auch im Vergleich zu Freunden und Bekannten anderswo. Soweit ich das beurteilen kann macht die Politik in Österreich einen recht vernünftigen Job bei der Eindämmung des Virus. Es wird weder der Parlamentarismus ausgehebelt, noch eine totale Ausgangssperre verhängt und permanent Angst gemacht, noch Gräber in öffentlichen Parks ausgehoben. Das ist vielerorts anders. Ich habe gerade mit einem sonst recht friedliebenden Freund in New York gesprochen. Der hat sich einen Baseballschläger gekauft hat um sich im „Fall der Fälle“ verteidigen zu können… da merkt man, was für ein Ausnahmezustand in den Köpfen entstehen kann, wenn kollektive Angst aufkommt. Ich hoffe, er kann dann in einigen Monaten mit dem Schläger Baseball spielen.

Inwieweit beeinflusst die Krise Deinen Job?

Glücklicherweise können wir unsere Forschungsprojekte auch gut digital durchführen und in vielen Bereichen einfach remote weiterarbeiten. Auch die universitäre Lehre konnten wir umstellen, ich habe sogar den leisen Verdacht, dass die digitale Version unseres Social Entrepreneurship Kurses bei unseren Studierenden beliebter sein wird als das Original im Klassenzimmer.

Anders sieht es aber bei unseren internationalen Trainings in Zentral- und Osteuropa aus. Das sind mehrtägige Formate für Menschen aus über 10 Ländern, die von der Interaktion und der Vielfalt der TeilnehmerInnen leben. Solche Trainings können angesichts der Ausgangs- und Reisesperren bis Herbst vergessen. Wir arbeiten jetzt mit Hochdruck auch hier an Online Kursen, Webinars, etc. aber die Angebotsseite ist ja nur ein Teil der Gleichung. Die Organisationen für die wir die Trainings anbieten sind Nonprofits und Sozialunternehmen, die kämpfen gerade selbst wirtschaftlich ums Überleben. Ein mittel- oder langfristiges Investment in Weiterbildung ist da für viele nicht die oberste Priorität. Ich hoffe, wir können sie zumindest mit sehr kurzen, „Corona-relevanten“ Inhalten erreichen und unterstützten.

Was vermisst Du gerade besonders?

Es wird gerade frühsommerlich in Wien. Das ist für mich die Zeit des Jahres um mit Freunden und Familie draußen sein, für Aufbruchstimmung und Bewegung. Eigentlich sollte das Leben jetzt draußen stattfinden, das fehlt.

Wie gestaltest Du Deinen Tag?

Relativ mönchshaft, mit viel Arbeit aus dem Homeoffice und Sport statt Gebet. Der Besuch im Supermarkt ist da schon ein Abenteuer. Das letzte Mal hatte ich so eine Monotonie bei der Vipassana-Meditation. Die Möglichkeit, einigermaßen ablenkungsfrei Cal Newportsches „Deep Work“ zu machen ist schon reizvoll, aber ich freue mich durchaus auch auf das Leben danach.

Wie wird das Leben nach Corona für Dich ausschauen?

„Nach Corona“ verstehe ich vor allem als Aufhebung der Reisebeschränkungen. Die aktuelle Lage ist ja eine Art Rückfall in die Zeit vor 1989 als viele nicht wussten, wann sie Verwandten und Freunde „auf der anderen Seite“ wiedersehen können. Das macht für mich nochmal sehr deutlich, wie wichtig und selbstverständlich die Reisefreiheit in der EU für mich geworden ist. Ich freue mich schon sehr darauf, den Donauradweg zu fahren und mir keine Gedanken machen zu müssen, ob ich jetzt in Österreich oder in der Slowakei bin. Darauf, in den Zug zu springen und Verwandte und Freunde zu besuchen.

Welche Entwicklungen werden sich dadurch beschleunigen? In der Gesellschaft? In der Wirtschaft?

Über 500.000 Arbeitslose, zehntausende in Trainings, hunderttausende auf Kurzarbeit in Betrieben mit ungewisser Zukunft… gesellschaftlich ist das alles natürlich ein Desaster. Selbst wenn die Beschränkungen aufgehoben werden wird es einige Zeit brauchen, bis das Wirtschaftsleben wieder hochgefahren ist. Wirtschaft und Gesellschaft hier getrennt zu denken ist wenig zielführend, dass Arbeitslosigkeit katastrophale Auswirkungen auf das Wohlbefinden haben kann weiß man spätestens seit den „Arbeitslosen von Marienthal“.

Nonprofits und Sozialunternehmen trifft das alles besonders hart. Ihre Arbeitsplätze und soziale Mission ist wichtiger denn je, viele der Menschen mit denen sie arbeiten sind ja genau die, die unter den jetzigen Bedingungen besonders leiden. Zugleich sind viele in unmittelbaren sozialen Dienstleistungen tätig, im Tourismus, im Gastgewerbe, also Sektoren die besonders stark betroffen ist. Ich mache mir Sorgen, dass hier viele wichtige Betriebe insolvent werden, wenn Staat und Zivilgesellschaft nicht rasch unterstützen.

Ich glaube aber auch, dass Corona die ein oder andere positive Entwicklung mit sich bringen kann. Die Verbreitung von Innovationen im Bereichen wie e-learning, e-commerce und Telemedizin hat sich rasant beschleunigt. Ich bin zum Beispiel beeindruckt, wie schnell in Österreich auf einmal elektronische Rezepte umgesetzt wurden. Da hat der Virus die Umgebung geschaffen in der das technisch längst Mögliche auch umgesetzt werden kann.

Kannst Du anderen mit Deiner Expertise helfen?

Ich bin weder Epidemiologe, noch Krankenhausfachkraft oder Pflegeexperte, insofern will ich die Bedeutung meiner Expertise gerade nicht überbewerten. Wer aber auf der Suche nach gutem online-Content und Trainings für Nonprofits und Sozialunternehmern ist kann sich gerne melden. Und ich helfe natürlich immer gerne mit Podcast-Empfehlungen.

Ein persönlicher Tipp.

Der Podcast „Crimetown“, erste Staffel. Allein schon wegen des Titeltracks von Goat ein großartiger Podcast, der zudem absolut nichts mit Corona zu tun hat.

 

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