Jürgen Schmücking ist Journalist und Fotograf. Seine Themen sind Wein, Destillate, Bier sowie Käse, Fisch und Fleisch. Ihn interessiert, wo und wie diese Lebensmittel hergestellt werden, wie sie schmecken und auf welchen Wegen sie die Gaumen der Konsumenten erreichen. Und natürlich die Geschichte und Geschichten derer, die sie herstellen.

Jürgen Schmücking ist Geschäftsführer der wort.bild.bio GmbH, wobei diese Gesellschaft nur der institutionelle Rahmen seines Schaffens ist. Unterwegs ist er fast ausschließlich alleine. So gesehen, ein klassischer Ein-Personen-Unternehmer. Jürgen ist Diplomsommelier, Käse-Sommelier, Barkeeper und geprüfter Spirituosen-Verkoster. Und er hat Gastrosophie studiert und eine Diplomarbeit über die Kulturgeschichte der Schlachtung geschrieben. Seine Arbeit springt derzeit im Dreigestirn Wein/Destillate – Gastronomie – Fleisch. Dabei immer mit deutlich wahrnehmbarer Bio-Schlagseite.

Derzeit arbeitet er gerade daran, dass seine Diplomarbeit in lesbarer (und spannender) Form als Buch erscheint. An einigen Beiträgen über die heimische Gastronomie und an einer Bilanz für 2019.

Was bedeutet die Corona Krise für dich ganz persönlich?

Ich bin Journalist und Fotograf. In meiner Arbeit geht es um Gastronomie, Kulinarik und Reisen. Beim Reisen stets um kulinarische Aspekte. Was die Krise für persönlich bedeutet. Dazu vielleicht eine sehr persönliche Geschichte. Ich war am 7. März in London. Es war das Wochenende vor dem Lockdown. Es lag was in der Luft. Nichts Greifbares. Eine kurze Überlegung, ob ich hin soll oder nicht. Ich flog nach London. In Hackney Wick, einem aufstrebenden Stadtteil im Osten der Stadt eröffnete Douglas MacMaster sein Restaurant silo. Das Lokal ist bekannt für seine radikale „Zero Waste“-Philosophie. Nachdem ich an diesem Tag gleich zweimal dort aß und dazwischen fotografierte, verbrachte ich einen großartigen Tag mit großartigen, hochmotivierten Menschen. Selten habe ich mich so darauf gefreut, den Text über ein Restaurant zu schreiben. Genau zwei Wochen später hatte das silo bereits geschlossen. Douglas, der Chef, ist am Boden zerstört, das Team in ihren Heimatländern und demnach in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Der Laden ist dicht. Genau, wie jede andere Gastronomie weltweit. In diesen zwei Wochen brach eine der Grundlagen meiner Arbeit weg.

Inwieweit beeinflusst die Krise Deinen Job?

Am Anfang war ich überzeugt, dass sich nicht viel ändern wird. Dann kam die erste Absage. Ein paar Minuten später gleich noch eine. Ich dachte, ‚shit happens‘, und dass das nicht so schlimm sei. Immerhin habe ich meine Magazine, und die erscheinen ja – trotz Corona. Ja, tun sie. Aber einige eben nur in verringertem Umfang oder statt viermal nur zweimal im Jahr. Also erscheint von zwei Beiträgen nur einer. Allerdings bin ich auch unverbesserlicher Fundamentaloptimist. Immer schon. Also bin ich überzeugt, dass sich vieles wieder einrenken wird. Vielleicht nicht ganz so cosy und mühelos, wie wir uns das wünschen, aber es wird.

Was vermisst Du gerade besonders?

Das Unterwegssein.

Wie gestaltest Du Deinen Tag?

Ich stehe früher auf, als der Rest der Familie und nutze die ersten Stunden zum Lesen und Schreiben. Danach Frühstück und homeschooling für den Kleinen. Was manchmal weniger, manchmal mehr Motivationsarbeit verlangt. Das Ganze ist ein wenig paradox. Einerseits macht es Spaß (und auch stolz), andererseits nervt es auch gewaltig. Das gemeinsame Essen ist ein wesentliches strukturgebendes Element. Ich empfinde das als wesentlich.

Worauf ich besonders stolz bin – und da kann man mich gerne für einen unverbesserlichen anti-digital-fundi halten – ist, dass ich die meisten beruflich erforderlichen Gespräche mit dem Telefon geführt habe. Ok, Mail und messenger und WhatsApp ausgenommen, aber definitiv zoomfrei. Keine Video-Konferenz.

Wie wird das Leben nach Corona für Dich ausschauen?

Naja, die Wochen daheim hatten schon auch eine Qualität, von der ich mich nicht vollends verabschieden möchte. Mein Ziel wäre, nicht mehr ganz so viel unterwegs zu sein, wie bisher. Natürlich werde ich wieder reisen, Produzenten und Gastronomen besuchen und über sie schreiben. Daran wird sich nichts ändern. Aber eben nicht mehr in dem Ausmaß wie in den Jahren davor.

Welche Entwicklungen werden sich dadurch beschleunigen? In der Gesellschaft? In der Wirtschaft?

Also, auch wenn ich selbst nicht das große Aushängeschild dafür bin, aber die Digitalisierung hat durch die Krise schon einen deutlichen Schub bekommen. Das Ressourceneinsparungspotential ist enorm. Ebenso die positiven ökologischen Konsequenzen. In der Gesellschaft hoffe ich darauf, dass sich die Stimmung wieder einpendelt. Es gibt von Bernhard Pörksen ein kleines, aber großartiges Buch, „Die große Gereiztheit“. Darin beschreibt er den „kommunikativen Klimawandel“ und zeigt Alternativen und Auswege. Die Diskussion über die Krise hat unserer Gesellschaft nicht gutgetan. Ich habe sie als extrem mühsam und wenig wertschätzend erlebt. Daran sollten wir arbeiten, und das halte ich für nicht weniger wichtig, als die Arbeit an den wirtschaftlichen Folgeschäden der Krise.

Kannst Du anderen mit Deiner Expertise helfen?

Ich bin Geschichtenerzähler. Und Fotograf. Bei meinen Geschichten und Bildern dreht sich immer alles irgendwie ums Essen oder Trinken. Wenn ein Wirt, eine Winzerin, ein Schnapsbrenner oder ein anderer Produzent, der sich mit Leidenschaft dem Handwerk verschrieben hat, erzählen wir gemeinsam die Geschichte seines oder ihres Produkts. In Worten und Bildern.

Ein persönlicher Tipp.

Für den nächsten Lockdown (und danach): das netflix-Abo kündigen, beim kleinen Buchhändler des Vertrauens ein paar Bücher bestellen und die auch lesen. Gemeinsam Kochen und Essen und die Dinge, die gut funktionieren, einfach beibehalten.

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